Im Weinberg

Die Rebe ist ein Sonnenkind – sie liebt den Berg und hasst den Wind. (Unbekannt)

Der kluge Esel

Wie eine Legende berichtet, hat ein Esel vor etwa 3000 Jahren an einem Rebstock alle Triebe abgefressen. Der Winzer war erbost und fürchtete um seine Ernte. Doch als im folgenden Frühjahr eben dieser Rebstock besonders schöne Triebe hervorbrachte und sich daran viele, besonders süße Trauben entwickelten, erkannte der Winzer die Vorteile des eseligen Eingriffs und kultivierte den Rebschnitt.

Die Pflege des Weinbergs

Die ersten Arbeiten im unserem Weinberg beginnen in der Zeit der Vegetationsruhe. Im Februar/März erfolgt der Rebschnitt. Dabei werden die im Vorjahr hochgewachsenen Zweige (nach Anleitung) zurückgeschnitten, damit die wenigen noch verbliebenen Knospen kräftige Triebe und reichlich Trauben entwickeln können. Das Schnittholz wird kompostiert.

Ende April bis Anfang Mai beginnt die Vegetationszeit der Reben. Sie ist abhängig von den spezifischen Eigenschaften der Rebsorten, der Bodentemperatur und den Lichtverhältnissen. Wenn die ersten Blättchen zu sehen sind und die Laubwand sich nach und nach bildet, sieht man die Vereinsmitglieder wieder häufig in den Reben. Sie regulieren und ordnen die ständig und rasch nachwachsenden Triebe, damit die Trauben später möglichst viel Sonne abbekommen und nach einem Regen zügig abtrocknen. 

Vegetationsphasen

Während der ganzen Vegetationsphase verfolgen unsere Winzer*innen aufmerksam die Entwicklung der Rebstöcke und leiten interessierte Vereinsmitglieder zu den erforderlichen Arbeiten im Weinberg an: Schneiden und Binden der Reben, die Pflege der Jungpflanzen, die Bekämpfung von Krankheiten und Schädlingen, die Pflege der Böden und die Mahd der Rebzeilen. Viele fleißige Hände sind bis in den August hinein nötig, die Arbeit nimmt kein Ende. 

Treffen ein früher Austrieb der jungen Blättchen und die Eisheiligen aufeinander, können die Blättchen durch den Frost Schaden nehmen. Ein Rebstock übersteht diese Katastrophe, hat aber mit den Folgen das ganze Jahr zu kämpfen. Möglicherweise fällt die Ernte geringer aus.

Um den 15. Juni herum findet die Rebblüte statt. Nach einer Faustregel beginnen die Trauben 60 Tage danach zu reifen. Weitere 40 Tage später kann die Ernte geplant werden.

Ein intaktes Ökosystem

Die Rosen im Weinberg erfreuen nicht nur Auge und Nase, sondern erfüllten auch eine Aufgabe als Anzeigerpflanzen: Wenn auf ihnen Mehltau zu erkennen war, dann musste der Winzer umgehend den Wein spritzen. Wenn der Mehltau sich auf dem Wein zeigte, war es dafür bereits zu spät.

Die bei Reben üblichen Pilzkrankheiten haben für die „Johannisberger Winzer*innen“ keine Bedeutung. Die weitsichtige Entscheidung, beim Anpflanzen neue pilzwiderstandsfähigere Reben (PIWI-Sorten) zu verwenden, erübrigt den Einsatz von Fungiziden komplett.

Auch die Anwendung von Insektiziden entfällt vollkommen, weil das intakte Ökosystem am Weinberg einer Vielzahl von Lebewesen und Nützlingen Lebensraum und Nahrungsgrundlage liefert. Dadurch haben Heu- oder Sauerwurm, Knospenschädlinge, Traubenwickler und anders Getier keine Gelegenheit, sich auszubreiten und Schaden anzurichten. 

Zur Weinbergpflege im Jahresverlauf weitere Informationen

 

Unsere Rebsorten

Amerikanischer Wein (Vitis americana)

Die Vitis americana – auch Graurinden-Rebe genannt – ist im Südwesten der USA beheimatet. Diese Wildrebe wurde zur Kreuzung von Hybridreben verwendet. Sie ist sehr jung und wurde erst im 19. Jh. in Amerika gekreuzt und verbreitete sich von dort aus vor allem nach Kanada, Neuseeland, Frankreich und in die Schweiz. So wie viele andere amerikanische Hybridsorten ist auch die Vitis americana gegen eine Vielzahl von Krankheiten (wie z.B. die Reblaus) vollständig resistent. 

Diese Rebsorte wurde von der Stadt Bielefeld auf der oberen Ebene, links neben dem Steintisch unterhalb der Mauer gepflanzt. Leider trägt sie keine Früchte. Ihre üppigen Blätter lassen sich zur Herstellung köstlicher „Dolmades“ verarbeiten. 

Muscat bleu – Blauer Muskateller

Im unteren Fächer wächst der Muscat bleu. Es ist eine Rotweinrebe, die sich im Anbau durch Wuchsfreudigkeit, Frosthärte und eine hohe Resistenz gegen Schadpilze auszeichnet. Wie eine Diva verhält sie sich zur Blütezeit. Sie neigt nämlich zur Verrieselung, d.h. es kann zu Befruchtungsstörungen durch Regen oder Kälte kommen, was starke Ertragsschwankungen mit sich bringen kann. Sind die Beeren tiefblau, voll ausgereift und süß, ist Erntezeit, in der Regel von August bis Oktober. Muscat bleu wird seltener zur Weinherstellung, häufiger als Tafeltraube genutzt. Der Wein hat eine helle durchscheinend rote Farbe. Im Geschmack ist er leicht, elegant und duftig mit feinen Muskat-Aromen. 

Pinotin

Pinotin ist ebenfalls eine Rotweinsorte: Sie wurde 1991 von dem Schweizer Rebenzüchter Valentin Blattner in der Pfalz neu gezüchtet und zeigt eine gute Pilzresistenz (PIWI). Im Wuchs eher schwach, aber mit geringer Neigung zum Verrieseln (wegen des späten Austriebs) ist Pinotin im Frühjahr kaum von Spätfrost gefährdet. Die Reife wird Mitte bis Ende September erreicht. Der Wein hat eine kräftige rubinrote Farbe. Mit feinen Kirsch-Aromen ähnelt er im Geschmack dem Spätburgunder, ist dabei aber opulenter und kraftvoller. Die ersten fünfzig Rebstöcke wurden 2025 im unteren Fächer gepflanzt, um Lücken aufzufüllen. Auf diese Weise soll der Muscat bleu allmählich durch den für die Weinherstellung geeigneteren Pinotin ersetzt werden.

Wein aus dem Winzer`schen Garten

Seit wenigen Jahren experimentieren wir mit der Herstellung eines Bielefelder Weins. Die Ergebnisse sind ermutigend. Unser Johannisberger weiß durchaus zu gefallen und überrascht als Bielefelder Wein durch seine Qualität. Dabei sind die Voraussetzungen noch längst nicht optimal. Im Handel wird man ihn jedoch nicht erwerben können. Dazu ist der Ertrag noch viel zu gering. Aber auf den Jahreshauptversammlungen unseres Vereins findet eine Verkostung des jeweils neuen Jahrgangs statt.