Die Villa
Die Winzer’sche Villa
Dort, wo heute der Weg von der Info-Tafel zur steinernen Grotte seine Richtung ändert, stand die prächtige Villa von Carl Wilhelm Winzer (1823-1898). Zwischen den Parkanlagen und der Stadt entstand hier damals ein Kranz von Gründerzeitvillen (Oetker, Delius, Luce, Niemann u.a.) mit großen Gärten. Carl Winzer stammte aus einer Pastorenfamilie in Enger. Nach einer Kaufmannslehre ging er für einige Jahre in die USA, wo er sich im Handel mit Textilien ein Vermögen erwarb. Anfang der 1860er Jahre kehrte er zusammen mit seiner Frau Helene, geb. Stallforth, die aus einer wohlhabenden Bremer Kaufmannsfamilie stammte, nach Deutschland zurück und ließ sich in Bielefeld nieder.
Ein Rundgang durch das Haus
Das im Stil des Historismus errichtete Haus hatte eine Grundfläche von ca. 300 qm. Im Souterrain befanden sich die Wirtschaftsräume: Küche, Speisekammer, Vorratskeller, Waschküche, eine Stube für das Personal und ein Speisezimmer. Das Erdgeschoss verfügte über einen Empfangsraum, den Speisesaal, sowie ein Herren- und Damenzimmer; diese Gesellschaftsräume waren mit kostbarem Kassettenparkett und großen Fenstern versehen.
Über eine breite Treppe mit reich geschnitztem Geländer gelangte man in den ersten Stock. Hier befanden sich neben zwei Räumen für Gäste die Schlafzimmer für die Eltern mit je einem Ankleidezimmer, sowie Zimmer für die Söhne und die Töchter des Hauses. Über eine Treppe erreichte man das Badezimmer und die Toilette. Im Dachgeschoss war das Hauspersonal untergebracht.
Die Remise
Hinter dem Haus, etwa auf der Höhe der heutigen Info-Tafel, entstand ein Stallgebäude für Pferde und Wagen, sowie einen Raum für den Kutscher. Die Remise wurde 1881 zunächst aufgestockt und später noch erweitert, um Wohnungen für den Gärtner und den Kutscher zu schaffen. Über den Hof zwischen Stallgebäude und Villa führte der Lieferanteneingang, während auf der Talseite eine prächtige Sandsteintreppe die Besucher der Villa auf eine große Terrasse leitete.
Der Garten
Über die Gestaltung des Gartens, der durchaus die Qualität eines Parks hatte, ist wenig bekannt. Wegen der Hanglage dürfte es Terrassen, Zickzackwege und diverse Treppen gegeben haben. Auch Frühbeete und Spalierbäume sind bezeugt. Die heute noch existierenden Relikte aus dieser Zeit (die Tuffsteingrotte, das Felsentor, der steinerne Tisch, die Stützmauern) erinnern an die Pracht der einstigen Anlage.
Wechselnde Besitzer
Nach dem Tod von Carl Winzer kehrte seine Frau nach Bremen zurück. Haus und Garten erwarb der Notar August Klasing. Ab 1921 war Paul Dürkopp, der Sohn des Gründers der Dürkopp-Werke, der Eigentümer. Er wohnte dort zunächst weiterhin, als 1927 Theo Kaselowsky das Anwesen kaufte. 1938 übernahm die Stadt das Haus, das bei dem schweren Bombenangriff am 30. September 1944 weitgehend zerstört wurde. Hinter der Sonnenuhr im oberen Teil des Gartens ist noch ein letzter Bombentrichter zu erkennen. In den 1950er Jahren wurde die Ruine der Villa abgetragen, 1973 verschwand auch die ehemalige Remise. Der Garten verwilderte.
Wachgeküsst
1953 ging das Gelände in den Besitz der Stadt Bielefeld über, unter der Auflage, es in die Parkanlage auf dem Johannisberg einzubeziehen. Brombeeren breiteten sich aus und Büsche, die sich in Bäume verwandelten. Erst nach der Jahrhundertwende gab es Pläne im Rahmen des Projekts StadtParkLandschaft, auch den Winzer’schen Garten neu zu gestalten. Eine von Luise Leßmann geleitete Projektgruppe der Bielefelder Drogenberatung legte 2010/11 in Zusammenarbeit mit dem Bielefelder Umweltbetrieb (maßgeblich: Jan Höft) die früheren Anlagen wieder frei. Nach diesen Vorarbeiten wurden die alten Mauern und Steinrelikte restauriert, Wege und Treppen neu angelegt. Eine große Schautafel an der Hochstraße informiert über den Winzer’schen Garten.
Der Verein übernimmt
2013 wurde der Name in die Tat umgesetzt: Im Winzer’schen Garten entstand Bielefelds Weinberg. Voraussetzung war die Gründung eines Vereins. Die Gesellschaft Winzer’scher Garten schloss eine Vereinbarung mit der Stadt Bielefeld ab über die Pflege des Geländes, damit für die Kommune keine Mehrkosten entstehen. Zunächst wurden im oberen Teil etwa einhundert Rebstöcke der robusten Traubensorte Vitis americana gepflanzt. Im Frühjahr 2014 ermöglichte eine großzügige Unterstützung des Rheingauer Weingutes Schloss Johannisberg die Anpflanzung von mehr als 400 Rebstöcken der Sorte Muscat bleu im unteren Fächer. Am 15. Juni 2014 fand die feierliche Eröffnung des neu gestalteten Winzer’schen Gartens statt. Das Ensemble Cellosequenz spielte Filmschlager der 1920er und 1930er Jahre, und zahlreiche Besucher*innen flanierten mit einem Glas Wein in der Hand durch die Anlage.